
Grill & Chill Rückblick
Freitag, 16 Uhr. Die Strecke steht. Der Grill auch.
Offiziell sind wir freitags von 16 bis 22 Uhr an der Strecke. An diese Zeitangabe hat sich noch nie jemand gehalten, uns eingeschlossen. Der Erste steht um Viertel vor vier auf dem Parkplatz und behauptet, er sei zufällig in der Gegend gewesen. Der Letzte geht um halb zwölf und behauptet, er sei eigentlich schon lange weg.
Dazwischen liegt das, was wir Rennabend nennen und was ein unbeteiligter Zuschauer vermutlich als „ein paar Erwachsene mit sehr kleinen Autos und sehr großen Meinungen“ beschreiben würde. Beides ist richtig. Das Wochenende beginnt bei uns am Freitag an der Rennstrecke — und regelmäßig beginnt es mit dem Klicken einer Piezozündung.
Das Motto: 200 Gramm. Nicht verhandelbar.
Ein Mini-Z wiegt fahrfertig zwischen 160 und 200 Gramm. Ein Steak fängt bei 200 Gramm an. Alles darunter ist Carpaccio, und Carpaccio gehört auf einen Teller mit Rucola und nicht auf einen Grill.
Diese Regel hat niemand aufgestellt. Sie ist entstanden, wie bei uns die meisten Regeln entstehen: Jemand sagt einen Satz, alle finden ihn gut, und drei Wochen später gilt er, als hätte er immer schon gegolten.
Der schöne Nebeneffekt: Eine Waage haben wir ohnehin dabei. Normalerweise wiegen wir damit Autos — Kampfgewicht, Akku drin, Karosserie drauf, keine Ausreden. An Grillabenden wandert sie eine Tischlänge weiter und übernimmt die technische Abnahme am Fleisch. Es hat noch nie jemand die Diskussion gewonnen, ob 198 Gramm nicht auch schon ein Steak sind. Die Waage kennt kein Mitleid, und der Steak-Master kennt die Waage.
Fünf Steaks, ein Grill, ein Beweisfoto
Das Bild oben ist an einem ganz normalen Freitag entstanden. Fünf Steaks, ordentlich verteilt, Deckel offen, im Hintergrund Rasen. Wer genau hinsieht, erkennt das Laub darauf — und weiß damit sofort, dass wir hier nicht von Hochsommer reden.
Was man auf dem Bild ebenfalls sieht: Das ist kein Holzkohlegrill. Auch das ist kein Zufall, sondern eine Entscheidung. Holzkohle will angezündet, durchgeglüht und beaufsichtigt werden, und bis sie so weit ist, sind ein bis zwei Stunden vergangen, in denen niemand gefahren ist. Wir sind aber in erster Linie zum Fahren da. Gas ist in fünf Minuten heiß, und das Ergebnis schmeckt trotzdem einzigartig — daran hat sich bisher noch keiner gestört, und beschwert hat sich erst recht keiner.
Fünf Steaks bedeuten bei uns nichts weiter als fünf Leute mit Hunger, deren Autos zusammen ungefähr so viel wiegen wie zwei davon.
Angrillen kennen wir nicht
Andernorts gibt es ein Angrillen. Ein feierliches erstes Würstchen im April, ein bisschen Wehmut im Oktober, dazwischen Saison. Bei uns gibt es das nicht. Bei uns gibt es Hunger, und wenn Hunger da ist, gibt es Grill.
Sommer wie Winter. Im Juli steht man in kurzen Hosen daneben und beschwert sich über die Hitze. Im Januar steht man in Jacke, Mütze und Handschuhen daneben und beschwert sich über gar nichts, weil der Grill zu diesem Zeitpunkt der wärmste Ort im Umkreis ist. Deshalb findet im Winter auch die halbe Fahrerlagerdiskussion in einem Radius von anderthalb Metern um den Grill statt. Wer dort steht, hat recht. So ungefähr funktioniert das.
Fachsimpeln und Blödsinn liegen bei uns 20 Zentimeter auseinander
„Wir labern nur?“ — Ja. Und nein. Beides gleichzeitig, und zwar ununterbrochen.
Auf der einen Seite erklärt jemand sehr genau, warum der Grip nach 20 Uhr besser wird und was das mit der Temperatur der Bahn zu tun hat. Er hat recht. Es ist ein guter, fundierter, ernst gemeinter Vortrag.
Zwanzig Zentimeter weiter wird zeitgleich geklärt, ob man einen LiPo theoretisch auch am Grill laden könnte. Die Antwort lautet nein. Die Anzahl derer, die es trotzdem gern einmal ausprobieren würden, lautet: alle.
Beide Gespräche laufen parallel, beide werden ernst genommen, und regelmäßig wechselt jemand mitten im Satz von der einen Seite auf die andere. Das ist kein Konzentrationsproblem. Das ist das Konzept.
Was auf den Tisch kommt
Die Karte ist kurz: Fleisch, Kräuterbaguette, Kräuterbutter. Das ist keine Lücke im Speiseplan, das ist der Speiseplan.
Was bei anderen die Salatschüssel wäre, hat bei uns rein dekorativen Charakter. Sie darf gern dabei sein, sie sieht auch hübsch aus, und am Ende des Abends ist sie erstaunlich unversehrt. Grünzeug wiegt selten 200 Gramm, und damit ist die Sache eigentlich schon entschieden.
Zwischen zwei Bissen wird es dann doch ernst
Und dann passiert das, wofür man eigentlich hinfährt. Irgendwer legt sein Auto vor sich hin, direkt neben das Kräuterbaguette, und fragt in die Runde, warum das Ding hinten so nervös ist. Plötzlich sind vier Köpfe über einem Chassis, das kleiner ist als der Teller daneben.
Weil bei uns alle im Club Racer dasselbe Auto fahren, kann auch jeder mitreden. Gleiche Federn, gleicher Motor, gleiche Übersetzung — wenn es bei dir hinten nervös ist und bei mir nicht, dann liegt es nicht am Material. Diese Erkenntnis ist unbequem und hilfreich zugleich, und sie wird mit vollem Mund erstaunlich freundlich vorgetragen.
Dann wandert eine Schraube über den Tisch, jemand holt Ersatzfelgen aus dem Kofferraum, und wer zum ersten Mal da ist, bekommt eines unserer Leihautos in die Hand gedrückt, bevor er überhaupt fragen konnte, ob das geht.
Gegessen wird woanders
Eine Sache ist bei uns klar geregelt, ohne dass sie je jemand regeln musste: An den Fahrertischen wird nicht gegessen. Dort liegen Werkzeug, Akkus, Ladegeräte, Ersatzteile und drei Schraubendreher, von denen zwei jemand anderem gehören. Da hat Kräuterbutter nichts verloren.
Gegessen wird deshalb an einem von drei Plätzen: im Winter am Rand der Rennstrecke oder im Wintergarten — und im Sommer draußen davor, mit Blick auf die Tennisplätze des TV Rot Weiß Havighorst, bei dem wir unsere Halle gemietet haben. Es hat schon schlechtere Aussichten zum Essen gegeben.
Der praktische Nebeneffekt dieser Trennung: Bei uns hat noch nie jemand Reifenkleber mit Senf verwechselt. Bei Stirnlampenlicht sehen die beiden Tuben einander nämlich deutlich ähnlicher, als einem lieb sein kann.
Nach dem Essen wird gefahren. Und gebückt.
Fahren geht nach dem Essen erstaunlich gut. Das Problem kommt danach.
Denn irgendwann liegt das Auto wieder irgendwo auf der Strecke, und zwar da, wo Mini-Z-Autos nun einmal liegen: unten. Sehr weit unten. Und dann steht man davor, betrachtet die Entfernung zwischen der eigenen Hand und dem eigenen Auto und stellt eine Frage, die man um 18 Uhr noch nicht gestellt hätte: War das vorhin vielleicht doch ein Happen zu viel?
Die Antwort lautet natürlich nein. Die Antwort lautet: Man braucht einen langen Greifer. Damit muss man sich nicht bücken, die Würde bleibt gewahrt, und das Auto ist trotzdem wieder auf der Bahn.
Zum Glück ist die Zeitnahme in dieser Hinsicht gnädig. Der Transponder zählt Runden. Kalorienüberschuss zählt er nicht.
Die inoffizielle Hausordnung
- 200 Gramm. Darunter ist es Carpaccio, und darüber diskutieren wir nicht.
- Am Fahrertisch wird nicht gegessen. Werkzeug und Kräuterbutter bleiben getrennt.
- Erst Hände abwischen, dann Sender. Der Rest ergibt sich von allein.
- Der Greifer bleibt an der Strecke. Besonders nach dem Essen.
- Jeder Abflug wird kommentiert. Von allen. Gleichzeitig. Sofort.
- Ausreden sind erlaubt, müssen aber technisch klingen. „Der Akku war noch kalt“ gilt. „Ich war satt“ gilt leider auch.
- Was der Steak-Master sagt, gilt. Er hat die Zange.
Komm einfach vorbei
Wir sind in der Regel freitags von 16 bis 22 Uhr an der Strecke, Am Ohlendiek 33 in Oststeinbek. Du brauchst kein eigenes Auto — ein paar Leihfahrzeuge stehen bereit, und jemand, der dir das Ding erklärt, findet sich immer.
Mitbringen musst du eigentlich nur gute Laune. Eigenes Grillgut geht natürlich auch, birgt aber ein gewisses Risiko: Es muss die 200 Gramm überstehen und danach die wachsamen Augen unseres Steak-Masters. Beides ist kein Selbstläufer.
Mindestens 200 Gramm. Du bist gewarnt.